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Bildung der digitalen Zeit – Gedanken über Freud und Leid

Dieser Beitrag wurde für einen Essaywettbewerb der Stiftung der Deutschen Wissenschaft eingereicht. Gefragt waren Essays zum Thema „Bildung heute. Bildungsideal einer digitalen Zeit“ mit einer max. Länge von 10.000 Zeichen.

Am 18.12.2014 wurden die Teilnehmer über den Auswahlstand informiert. Eingereicht wurden knapp 100 Essays, von denen dieser nicht von der Jury ausgewählt wurde. Die ausgewählten Beiträge werden am 02.02.2015 im Rahmen des Hochschulforum Digitalisierung vorgetragen.

Die Links im Text wurden nachträglich im Beitrag eingefügt.

Prolog

Um dem Genre des Essay gerecht zu werden, können Teile dieses Textes als ironisch oder sarkastisch empfunden werden: mea culpa. Trocken abgehandelte Themen ermüden jede Leserin* nur unnötig. Sie mögen dem Text das inhaltliche Fundament hoffentlich anmerken, wenn auch die verwendete Ausdrucksform bewusst gewohnter, steriler, wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit zu entbehren scheint.

*Weibliche Bezeichnungen gelten übrigens auch für Männlein und Trans*. Auf konsequentes Durchhalten dieses Versuchs gebe ich, wie beim Lotto, keine Gewähr.

Die digitale Zeit

Die Gesellschaft ist digital geworden: Dem stimmt die Mehrheit der Leserinnen vielleicht zu. Alle finden digital irgendwie gut, da hierdurch die Welt zusammenrückt. Dank der Handyvideos unerschrockener Demonstrantinnen können wir uns z. B. am arabischen Frühling und der neuen Sichtbarkeit des Unrechts der Welt erfreuen oder an ihr aufreiben. Die digitale Zeit erscheint als etwas grundlegend Gutes, weshalb wir mehr davon wollen, überall und jederzeit.

Wo Oma noch Postkarten schickte, schicken wir heute E-Mails mit aktuellen Fotos im Anhang, die uns erlauben den überfälligen Besuch noch weiter herauszuzögern. Die ehemals Pünktlichen schreiben heute eine SMS, dass es doch 10 Minuten später wird oder meiner Erfahrung nach noch mehr. Statt in Bars/Cafés mit Bedienungen oder anderen Gästen reden zu müssen, haben wir heute Smartphones mit breiter App-Auswahl, die uns das ersparen.

Digital überall, zum Wohle aller Menschen und eben auch in unseren Schulen, Hochschulen und Universitäten. Fragt sich dabei jemand, ob sich alle digitale Geräte leisten können, diese dann barrierearm sind oder überhaupt kompatibel zur vorhandenen Informations-Technik (IT)?

E-Learning

Einer Behauptung bin ich in Gremien, bei Konferenzen, Workshops und Fachgruppen immer wieder begegnet: E-Learning ist die Lösung für alles. Ich halte dies für einen lange anhaltenden Fehlschluss, der in den Köpfen von Entscheiderinnen endlich zu verpuffen scheint.

Oft gehörte (Verkaufs-)Argumente für E-Learning:

  • Es spart Zeit der Dozentinnen durch Wiederverwendung bereits erstellter Inhalte.
  • Die Stundentinnen können unabhängig von Zeit und Ort lernen und so theoretisch Lehrveranstaltungen, die sie durch ihre Studentenjobs versäumen, nacharbeiten.
  • Durch Einsatz von Medien wie Audio, Video und Grafiken wird der Lerneffekt erhöht.

Mit solchen und mehr Argumenten rechtfertigt sich gefühltermaßen eine ganze Beraterinnenbranche. Diese vertreiben Lernmanagementsysteme (LMS) zur Präsentation und Autorensysteme (AS) für die Erstellung von Lerninhalten. Diese Beraterinnen überschlagen sich beim Anpreisen von Systemen im Aufzählen schier unendlicher Features: Umfragen, Multiple Choice-Tests, Foren, Wikis etc. Wo eigene Kernfunktionen nicht reichen, werden Drittkomponenten wie Onyx, Big Blue Button u.s.w. eingebunden. Immer scheint die Devise zu gelten: “Viel hilft viel”.

Überwältigt von unermesslicher Funktionsfülle sind E-Learning-Beauftragte schnell überzeugt, dass mit der angebotenen Software jedes vorhandene und künftig aufkommende Bedürfnis in Sachen E-Learning befriedigt werden kann. Die Frage, ob das angebotene Paket zum E-Learning-Konzept der Einrichtung passt, ist schwer zu beantworten. So ein Konzept ist oft nur in Eckpunkten festgehalten oder existiert wegen eines Henne-Ei-Problems gar nicht: Erst wird erst geschaut, was alles geht, danach wird die Nutzung konzipiert.

Die Auswahl und Anschaffung ist oft Aufgabe einer IT-Expertin, schließlich müssen vorhandene Infrastrukturen und Wartungsfähigkeiten des eigenen Rechenzentrums berücksichtigt werden. Ist ein System gewählt, installiert und lauffähig, werden hier die – nicht immer technisch affinen –  Didaktikerinnen vor das System gesetzt, mit der Aufgabe: “Nun macht mal!” Es folgt häufig Ähnliches: Strukturen werden anhand des Modulhandbuchs erstellt und Dozentinnen gebeten deren Präsentationen, Skripte etc. online zu stellen sowie aktuell zu halten.

Fertig? E-Learning erfolgreich eingeführt? Nein: All die tollen – teuer gekauften – Features müssen ausprobiert und auf Akzeptanz geprüft werden. Es werden Foren erstellt, in denen ab und an eine Studentin eine Frage stellt, die von der Dozentin aber weder gelesen noch jemals beantwortet wird. Es werden Wiki-Seiten eingerichtet, die Inhalte von bereits hochgeladenem Material redundant spiegeln und ebenso selten von Nutzerinnen frequentiert werden. Weitere Bausteine wie Umfragen und Multiple-Choice-Tests werden vereinzelt – von einer probierfreudigen Dozentin – genutzt. Meist dürften aber 90% der verfügbaren Funktionen im Tal des Vergessens verstauben.

Liegt die Ursache der beschriebenen Szene im Unwillen der Dozentinnen oder im Mangel technischer Fähigkeiten? Von allem etwas, wie ich glaube: Dozentinnen an Hochschulen haben ein hohes Lehrdeputat zu leisten, ggf. eigene Forschungsinteressen und einige Eifrige bekleiden zusätzlich Amtspositionen. Darüber hinaus Zeit zu finden, um attraktive E-Learning-Angebote zu schaffen, halte ich für illusorisch. Es sei denn, angeschaffte AS würden den Prozess, den eine Dozentin bei der Vorbereitung einer real stattfindenden Lehrveranstaltung durchläuft derart unterstützen, dass es wenig Mehraufwand bedeutet, dieses Material – angereichert durch Medieninhalte – auch im verfügbaren LMS bereit- zustellen. Ich fand bis heute keine solchen Systeme. Bei den mir bekannten AS zeigten sich steile Einarbeitungskurven und mangelhafte Bedienbarkeit.

Und dennoch, sie kommen zu Stande, die guten und wertvollen E-Learning-Angebote. Einige Studentinnen erhalten also die Gelegenheit, von Ort und Zeit unabhängig, ihre durch Neben- jobs verpassten Veranstaltungen nachzuarbeiten. Fraglich ist, ob sie sich dazu aufraffen können oder am Ende doch zur kurzweiligen Spiele-App auf dem Smartphone greifen? Dieses belohnt schließlich jedes Vorankommen von Zeit zu Zeit mit irgend einem Erfolgsorden, den man mit den Freundinnen auf Facebook und Co. teilen kann. Für App-Vertreiber sind süchtig machende Reize “must have”-Elemente der Kundenbindung. Der einzige Anreiz dazu, das – vielleicht toll gemachtes – E-Learning-Material durchzuarbeiten, liegt maximal im eigenen Antrieb. Dem Antrieb, das Studium zu packen oder jene akademische Freiheit zu nutzen, die nach Feodor Leynen darin liegt, mehr machen zu dürfen als verlangt wird. Ein technischer Ansatz zur Realisierung eines Belohnungssystems findet sich übrigens auf openbadge.org.

Welche Studentin würde nicht lieber mit der Platin-Plakette in “Quantenphysik II” bei ihren Facebookbuddies angeben, statt ungewollt auf peinlichen Bildern der letzten Party verlinkt zu werden?

E-Campus

Auch die Verwaltungen von Hochschulen sollen digital werden. Dadurch verspricht man sich, die immer größer werdenden Studentinnenzahlen besser zu bewältigen, die derzeit den Hochschulen – allem demografischen Wandel zuwider – die Türen einrennen. Zudem passt die Vermeidung riesiger Papierarchive von Studentinnenakten auch jeder Controlerin gut ins Nachhaltigkeitskonzept. Maßnahmen wie E-Mail-Signaturen, die dazu anhalten über das unnötige Ausdrucken der Nachricht nachzudenken, wirken im Vergleich dazu fast lächerlich.

Weiterhin entwickeln sich die Hochschulen durch den politisch gewünschten Bologna-Prozess zu einer immer gleicher schmeckenden Nudelsuppe. Das zieht Änderungen in den Verwaltungen mit sich. Diese arbeiten klassisch aufgabenorientiert und sollen nun zunehmend an Prozessen und Services ausgerichtet werden. Das ist gut für Studentinnen und Mitarbeiterinnen, denn dadurch entsteht Selbstbedienung, etwa zum erneuern des Studienausweises oder zum Download des Imma-Scheins, der – Ironie – oft per analoger Post an die Krankenkasse geschickt wird. Ja, es spart Zeit in den Studienbüros bzw. Prüfungsämtern ein, aber der persönliche Kontakt zu so manch netter Amtsdame wird schnell vermisst.

Freud und Leid

Planvoll umgesetztes E-Learning ist eine Bereicherung. Einführung oder Ausbau müssen durchdachte Konzepte zu Grunde liegen. Das bloße Bereitstellen von Systemen mit unzähligen Funktionen schafft zwar entsprechende Aufwände, aber ohne stimmige Taktik folgt der gewünschte Mehrwert nicht. Ich “postuliere” daher: Gute (E-)Lehre wird von guten Dozentinnen gemacht, nicht von Software. Bevor sich eine Hochschule eine Beraterin eines Softwarehauses für E-Learning-Systeme ins Haus holt, sollte ein gutes Konzept erarbeitet sein. Ansonsten fallen die Entscheiderinnen auf die Featureshows der Beraterinnengilde herein.

Die Digitalisierung des Bildungswesens, genau wie die Digitalisierung der Gesellschaft im Allgemeinen, birgt nicht nur Vorteile in sich. Das Einschrumpfen der Kommunikation auf das Nötigste spart in der großen Masse zweifellos Zeit, aber all die individuellen Besonderheiten von Menschen werden nie vollständig von Software abgebildet. Eine ohnehin gruselige Idee: überall installierte Weltsimulatoren. Der persönliche Kontakt zwischen Studentinnen mit Hochschulbeschäftigten wird auch künftig wichtig sein.

Das Einsparpotential der Digitalisierung fällt meiner Meinung nach oft geringer aus, als von den Entscheiderinnen der Einrichtungen und in den Ministerien gewünscht wird. Dennoch, die Chancen sind vielfältig, aber Aufwand und Risiken müssen stets im Auge behalten werden.

Epilog

Dieser Text wurde zum Thema “Bildung heute. Bildungsideal einer digitalen Zeit” im Essaywettbewerb des Stifterverbands der deutschen Wissenschaft eingereicht.